Ich bin ein Bahnsteigromantiker!

 

 

Bilder von Zugreisen ziehen sich als roter Faden durch mein Archiv, denn das Reisen auf Schienen gibt mir die Erlaubnis, den Film neu einzulegen und von vorne zu beginnen. Alles zu sehen und kein Urteil zu fällen, weiterzufahren, Kilometer hinter mich zu bringen, an die Schönheit und Grenzenlosigkeit der Welt zu glauben. Meine Bahnsteigfotografien sind zwischen den Jahren 2011 und 2017 in Kasachstan, Rumänien, Deutschland, Österreich,  Kirgisistan, Russland, Serbien, Griechenland und China entstanden.

Mit 19 ist die Schule aus, ich sitze in der Transsibirischen Eisenbahn und schreibe in mein Tagebuch:

‚Der dritte Tag im Zug. Ich habe das Gefühl, dass konkrete Gedanken genauso wie die Landschaft am Fenster vorbei einfach durch meinen Kopf hindurchziehen, ohne dass ich sie fassen könnte. Vielleicht habe ich mit etwas anderem gerechnet. Exotik an allen Bahnhöfen. Verrückte Bekanntschaften. Aber nein… die Entdeckung der Fahrt ist der erholsame Zustand, den ich als fast linear bezeichnen würde. Wenn ich aus dem Fenster sehe, blicke ich natürlich auf Dinge, die ich noch nie gesehen habe. Doch solange noch diese Zugscheibe zwischen mir und der Außenwelt ist, kommen die Dinge nicht in meinem Innersten an. Die Natur ist eigentlich wie man sich Sibirien vorstellt: Birkenwälder, Wiesenflächen. Die einzigen Eckpfeiler des Tages sind Essen, Teetrinken, aufs Klo gehen.  Sehnsucht und dünne Zeit. Die näheste Annäherung an einen sehnsuchtsfreien Zustand. Vielleicht ist es das, die dünne Zeit. Ich kenne es von den früheren Reisen, dass ich meistens im Zustand des Fahrens am frohesten war. Schon als Kind hatte ich immer ein bisschen Angst vor dem Ankommen.‘

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